BIBELSTUNDE IN DER ROTLICHTBAR

In der Baslerzeitung vom 6. Oktober wurde unter der Rubrik region.schauplatz der folgende Artikel von Ursula Haas abgedruckt:

 

Katharina Baumberger und Noemi Grossenbacher besuchen Frauen im Milieu

 

Die Mitarbeiterinnen der Mitternachtsmission bieten sich den Frauen im Rotlichtmilieu als Gesprächsparterinnenan und verteilen kleine Geschenke – vor allem die Botschaft Christi.

 

«Möchtest du eine Bibel?» Die zwei jungen Frauen bejahen freudig. Sie sind höchstens 20 Jahre alt und sitzen in knappen Shorts und hohen, geschnürten Schuhen im Eingang der «Bermuda Bar», einer der sogenannten Kontaktbars an der Webergasse. Noemi Grossenbacher (50) kramt in ihrer Tasche, die voll gestopft ist mit Bibeln in verschiedenen Sprachen: Deutsch, Französisch, Spanisch, Rumänisch und Türkisch. Endlich findet sie das portugiesische Exemplar für die zwei Brasilianerinnen, die hier arbeiten.

 

Derweil begrüsst Katharina Baumberger (51) eine Dame mit blondierten Haaren und tief ausgeschnittenem Dekolleté. Sie gibt ihr drei Küsschen und spricht die Frau, die aus Tschechien stammt, mit Vornamen an. Diese scheint sich über den Besuch und die kleinen Geschenke zu freuen: Bonbons, Taschentücher und ein Schöggeli, alles liebevoll eingepackt mit rosa Schleife drum herum. Etwas zu bekommen ohne eine Gegenleistung erbringen zu müssen, das ist für sie ungewohnt. Auch die anderen Animierdamen in der «Bermuda Bar» geniessen es sichtlich, von Baumberger und Grossenbacher als Menschen angesprochen und nicht als Ware gekauft zu werden.

 

Hilfe im Nachtclub. Einmal pro Monat machen sich Katharina Baumberger und Noemi Grossenbacher am Feierabend auf, um in den Rotlichtbars, Studios und Nachtclubs ihre Hilfe anzubieten. Sie gehören der Mitternachtsmission an, die in Basel seit 66 Jahren in christlicher Gassen- und Prostituiertenarbeit tätig ist und unter anderem das Teemobil vor der Clarakirche betreibt. Im Rotlichtbereich arbeitet die Mission auch mit anderen Organisationen wie der Aids-Hilfe oder der Beratungsstelle Aliena zusammen.

 

Katharina Baumberger leitet in der Mitternachtsmission das «Projekt Rahab» für Prostituierte. Die 51-Jährige war ursprünglich Primarlehrerin. Nach einer theologischen Ausbildung entschied sie sich für die Arbeit bei der Mitternachtsmission und liess sich nach einigen Jahren berufsbegleitend zur Sozialarbeiterin ausbilden. Sich für ihre Mission im Rotlichtmilieu zu bewegen, war für Baumberger nie ein Problem. «Es ist nicht die Arbeit der Frauen, die mich abstösst, es sind vielmehr die Wünsche mancher Freier.»

 

Noemi Grossenbacher kam vor 21 Jahren aus Peru nach Basel. Als Hausfrau suchte sie eine Tätigkeit, die sie herausforderte und erfüllte. «Ich wollte nicht nur soziale Arbeit machen, sondern das Evangelium überbringen.»

 

Störfaktor. Betreten die beiden Mitternachtsmissionarinnen eine Bar, dann ernten sie manchen schiefen Blick von den Gästen. Manchmal lachen die Männer, manchmal tuscheln sie: «Das sind jetzt die Christlichen.» Werden sie direkt angesprochen, geht Grossenbacher auf die Männer zu. Die temperamentvolle Peruanerin überbringt dann auch den Freiern die Botschaft von Jesus. Zumindest versucht sie es. Heute Abend steigen zwei Männer auf die Diskussion ein, sichtlich beeindruckt vom Mumm der Christinnen. «Klar sind wir ein Störfaktor », sagt Baumberger, «denn wir besuchen die Frauen ja während ihrer Arbeitszeit.» Probleme mit den Barbesitzern gibt es aber kaum. Es brauche eben ein gewisses Fingerspitzengefühl, denn die Mitternachtsmission ist nicht die einzige Organisation, die im Rotlichtmilieu Hilfe anbietet, sagt Baumberger. «Nach einer halben Stunde in derselben Bar ist unsere Anstandszeit um.»

 

Ohnmacht. Heute ist kurz vor sieben Uhr abends Schluss, noch vor dem grossen Besucherandrang. Nach drei Bars, unzähligen Gesprächen und einigen verteilten Bibeln sei einfach die Luft raus, finden Grossenbacher und Baumberger. Viele bereits bekannte Frauen haben sie angetroffen, aber wie jedes Mal waren auch heute neue darunter. «Wir bearbeiten ein viel zu grosses Feld, um für alle intensivere Betreuung bieten zu können», sagt Baumberger. Doch zu einigen Frauen hat sie seit über zehn Jahren Kontakt, selbst dann, wenn sie nicht mehr im Milieu arbeiten. Ihre Hilfeleistung reicht von Gesprächen über das Dolmetschen bis hin zu Begleitung bei Arztbesuchen. «Doch es müssen immer die Frauen selbst sein, die solche Extra-Hilfestellungen verlangen », so Baumberger.

 

Die Arbeit mache sie oft traurig, erzählt Noemi Grossenbacher. «Wenn ich von den Barbesuchen nach Hause komme, weine ich manchmal, weil ich so vieles gehört habe, das ich nicht ändern kann.» Kraft zum Weitermachen findet sie in Gebeten und den Reaktionen der Frauen: «Oft sagen sie: Schön dass ihr kommt und uns nicht vergessen habt.»

 

 

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